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»Große Wäsche oder Die Anrufung Ariels«

Das Nichterinnern wollen, das Vergessen wollen, das Auslöschen, das Vernichten.

Beitrag zur Ausstellung Olfaktor: Geruch gleich Gegenwart in der Städtischen Galerie Bremen
08.05. – 29.08.2021

Auszüge aus der Bewerbung um die Teilnahme an der Ausstellung Olfaktor: Geruch gleich Gegenwart:

Fragen
Woher rührt der romantisierende Blick auf frisch gewaschene Wäsche, insbesondere weiße Betttücher, die im Freien zum Trocknen an Leinen hängen, sich im Wind bewegend?
Warum ist die Idee von Sauberkeit so eng mit dem Duft der Wäsche nach Waschmittel verbunden?
Der Geruch der Wäsche in meiner Kindheit war der nach an frischer Luft getrockneter Baumwolle oder Leinen und Waschmittel. Da waren die an Wochentagen im Garten gespannten Leinen voller Wäsche, die ein bis Ende der 70er Jahre die Landschaft und die städtischen Hinterhöfe in Deutschland noch prägendes Bild waren. Doch diese real erlebten Bilder mischen sich in meiner Erinnerung mit den Bildern der Waschmittelwerbung, die ab Mitte der 60er Jahre im Fernsehen gezeigt wurden.
Und woher stammt die schon ganz zu Anfang auftauchende Assoziation zu Ariel? Einerseits dem unter diesem Namen vertriebenen Waschmittel, andererseits dem so benannten Zornesengel, der der jüdisch / christlichen Mythologie entsprungen bzw. entflogen für das Auslöschen von Dämonen zuständig ist?
Und woher das sich langsam einstellende, bedrückende Gefühl beim Gedanken an die Frauen, die für die große Wäsche zu jener Zeit verantwortlich und zuständig waren?

Recherche und Erinnerung
Ich fand die Werbeaussagen und -versprechen des Waschmittelherstellers Henkel aus Düsseldorf, der die Produktion von PERSIL 5 Jahre nach dem 2. Weltkrieg wieder aufnahm. PERSIL wurde auch als erstes Produkt überhaupt Anfang der 60er Jahre im deutschen Fernsehen beworben.
Ich sah mir noch einmal die damalige Fernsehwerbung an, sah die so übertrieben weiße Wäsche sanft im Wind wehen, an endlosen Leinen in grün-saftiger Landschaft gespannt, unerschöpfliche Waschkraft symbolisierend.
Ich hörte wieder das von der Werbefigur Clementine für Procter&Gamble in die Kamera gesprochene Versprechen: „ARIEL wäscht nicht nur sauber, sondern rein!“, das eine überirdische Sauberkeit, eine Reinheit nicht von dieser Welt versprach. Ein Versprechen, das sich auch auswirkte bis in die allgemeine Definition von Sauberkeit, sogar bis in unsere Sprache. Da war zum Beispiel der »Persil-Schein«, die in den allgemeinen Wortschatz eingegangene Bezeichnung für ein Entlastungsschreiben, dass ehemaligen Mitläufern der NS-Zeit Anstellungen in der neu gegründeten Bundesrepublik ermöglichte. Der Name eines Waschmittels in diesem Kontext?
Ich versuchte, mir die Situation der Frauen vorzustellen, die nach dem Krieg Großartiges beim Wiederaufbau geleistet hatten und nun wieder als Hausfrauen dafür zuständig waren, nicht nur die schmutzige Vergangenheit, das „Braune“ aus den Westen zu waschen und somit das Gewissen reinzuwaschen, sondern oft aus den Laken auch die Spuren der Übergriffe durch ihre Ehemänner, die zu der Zeit nach dem Gesetz immer noch das unerschütterliche Recht auf ehelichen Beischlaf hatten und es häufig auch mit Gewalt einforderten.
Da war auch die in der Werbung auftauchende Fleckensymbolik von Ei, Blut, Kakao (auch urtypische Gerüche, die eindeutig wiederzuerkennen sind!), die man nicht nur als die Nationalfarben sehen kann, sondern auch als die Spuren häuslicher Gewalt, die hinter zugezogenen „Gardinen mit der Goldkante“ stattfand.
Ich stellte mir die verzweifelten Versuche dieser Frauen vor, all das auszuwaschen, damit die Wäsche fleckenfrei zum Trocknen aufhängt werden konnte, im Freien den Blicken der Nachbarn und jedes vorbeikommenden Fremden ausgesetzt. Denn so trocknete man zu jener Zeit die Wäsche: Im Freien, an der frischen Luft und für jeden sichtbar.
Alles schien plötzlich löschbar zu sein, wenn man das richtige Waschmittel wählte. Reinheit wurde so greifbar, war in Pappschachteln abgefüllt zu kaufen und nach Hause zu tragen. Denn von der Werbung in die Welt gesetzt und befeuert ging es nicht mehr nur um Sauberkeit. Die Wäsche hatte rein zu sein. Überirdisch sauber. Wie ein weißes Blatt, unbeschrieben.
„Weiß, weißer geht’s nicht!“ … und zeitversetzt tauchte 2014 tatsächlich in der Werbung für den Hygienespüler SAGROTAN der Satz auf: „Ihre Kleider erinnern sich an alles!“ …
Ein Duft von Sauberkeit und Reinheit wehte durch das Land.

Heutzutage begegnet uns nur noch selten der natürliche Geruch von Sauberkeit der an frischer Luft getrockneten Wäsche. Wir trocknen die Wäsche in Trocknern. Aber unsere Sehnsucht nach Wäscheduft als Bestätigung für Sauberkeit wird von der Waschmittelindustrie weiter fleißig bedient. Es werden künstliche Duftstoffe eingesetzt, die die Erinnerung meiner Generation an den Geruch sauberer Wäsche überschreiben. Und es erstaunte mich auch nicht, zu erfahren, dass Jugendliche heutzutage den Geruch von an der frischen Luft getrockneter Wäsche als unangenehm empfinden.

2021, Rauminstallation, 5 Betttücher, weiß, Baumwolle, Stahlseil, PVC ummantelt, Drahtseilklemmen

»The Embedded Smell«

Das Erinnern, das Nichtvergessenwollen, das Bewahren, das Sammeln

Beitrag zur Ausstellung Olfaktor: Geruch gleich Gegenwart in der Städtischen Galerie Bremen
08.05. – 29.08.2021

Auszüge aus der Bewerbung um die Teilnahme an der Ausstellung Olfaktor: Geruch gleich Gegenwart.

Haare reichern sich leicht mit Gerüchen an und speichern diese für einen gewissen Zeitraum. Diese Eigenschaft der Haare war für mich der Ausgangspunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Geruch.
Ich gebe in der vorgestellten Arbeit gesammelten Haaren eine untypische, nicht sofort eindeutig lesbare Form. Die kompakte Haarkugel betont das Einschließen von Flüchtigem, das Konzentrieren, das Konservieren. Die Formgebung zeugt von der Geduld während der „Herstellung“ und dem Versuch, etwas, das man liebt, zu bewahren.
Es ist ein Duftspeicher, ohne weitere Hilfsmittel in einem mechanischen Prozess geformt, in dem sich der für ihn typische Geruch des vorherigen Besitzers ballt.
Die runde, kokonartige Form und die fein strukturierte Oberfläche suggerieren, dass es etwas innen Ruhendes gibt, etwas zu Beschützendes, dass aber auch die Möglichkeit eines Öffnens der Kugel besteht, und damit ein Austreten des eingeschlossenen Duftes und gleichzeitig das Erschnuppern desselben.
Das Haarobjekt hat die Anmutung von Kompaktheit und Geschlossenheit einerseits und einer sichtbaren Fragilität andererseits, denn die Idee des möglichen Zerfalls bleibt inhärent.

Die dem Objekt immanente Aussage:
Dass Gerüche flüchtig sind, sich aber tief in unsere Erinnerung einbrennen können, wissen wir aus Erfahrung.
Diese Haarkugel steht für den Wunsch und den verzweifelten Versuch, dieses Flüchtige einzuschließen, es zu bewahren und verfügbar zu halten. Ein Versuch, mittels dieses Duftträgers Erinnerungen in einem „emotionalen Notfall“ wieder auffrischen zu können und somit den ehemaligen Besitzer der Haare zu imaginieren.
Das Haar, das eigentlich ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens ist, wird aufgrund seiner Beständigkeit gegen Verfall zu einer bewahrenden und schützenden Substanz. (Haltbarkeit von Keratin)
Abgeschnittene Haare erscheinen hier in einer Form, die keinen Ekel auslöst, sondern Neugier, Faszination und Erstaunen. Die Lust, sie zu berühren, wird geweckt. Sie symbolisieren die Sehnsucht nach einem Menschen, dem man sich sehr nah fühlt, den man liebt, nach seiner Wärme.
Die Ausformung von Haaren als Kugel spricht von Komprimierung im Innern, vom Verdichten des Haarmaterials und somit auch des Duftes, vom Einschließen, vom Verbergen. Doch gleichzeitig ist ihre leichte Zerstörbarkeit offensichtlich und die des in ihnen verborgenen, flüchtigen Inhalts. Wir wissen um die eigentliche Unmöglichkeit des Unterfangens, Duft mit seinem ihm eigenen Charakter und seiner Intensität auf Dauer zu bewahren. (Gerüche sind erst ab ca. -80° zu konservieren)
Das Aufbrechen einer solchen »Duftkapsel« bedeutet somit nicht nur die Sehnsucht nach dem begehrten Duft zu erfüllen, sondern auch seine unvermeidliche Verflüchtigung, den endgültigen Verlust.
Bei der Herstellung der Kugel wird durch einen Prozess des Verdichtens und Rollens bewirkt, dass sich Haare zusammenballen und die Erscheinungsform einer fast perfekten Kugel annehmen. Die Voraussetzung für das Entstehen dieser Gebilde ist die charakteristische, natürliche Struktur und Beschaffenheit der Haare mit ihrer schuppenartigen Oberfläche. … Dicht, kompakt und trotzdem mit einer Anmutung von Fragilität.
Die im Herstellungsprozess sich bildende kugelsymmetrische Form scheint im Material als mögliche Erscheinungsform einer Haaransammlung bereits angelegt zu sein.
Diese Haarbälle scheinen wie einem Spiel entsprungen…
Nur am Körper, an der Kopfhaut noch anhaftend, in ihr wurzelnd, werden Haare als „lebendig“ wahrgenommen, obwohl sie, kaum den Haarwurzeln entwachsen, bereits leblose, abgestorbene Substanz sind und auch als Hautanhang-Gebilde bezeichnet werden. Aufgrund ihrer schuppigen Struktur und damit großen Oberfläche reichern sich Gerüche, insbesondere fetthaltige, leicht, schnell und nachhaltig an. Das Haar bindet somit Gerüche trotz ihrer Flüchtigkeit.
Dicht an Kopfhaut, Stirn und Nacken anliegend sammeln und verdichten sich in ihnen die Ausdünstungen unserer Haut, der Duft von benutzten Pflegemitteln und darüber hinaus auch Fremdgerüche. Duftdrüsen, die sich an den Haarwurzeln befinden, reichern das Haar mit Körpergeruch an. Die Düfte sammeln sich, konzentrieren sich. Dieser für jeden Menschen typische, individuelle Duftcocktail regeneriert sich kontinuierlich, durch körpereigene Vorgänge beeinflusst.
Haare sind somit Speicher, denn sie haben die starke Tendenz, Gerüche aufzunehmen, zu bewahren und abzugeben, je nach Beschaffenheit des Geruchs, zögerlich oder schnell. Sie sind etwas, das wir, selbst vom Körper abgelöst, mit angenehmem Geruch in Verbindung bringen können.
Wir stellen über den Geruch, insbesondere den der Haare, eine emotionale Verbindung zu einem Menschen her. Haare können in diesem Zusammenhang zu einem olfaktorischer Erinnerungsspeicher werden.
Eine Kugel aus Haaren zu formen ist nur möglich, da die abgeschnittenen, ihrer natürlichen Ordnung entbundenen Haare, aufgrund ihrer Schuppenstruktur den Drang haben, sich ineinander zu verhaken. Einzelne Haare, die nun nicht mehr gleich ausgerichtet sind, haften aneinander, sammeln sich, bilden Knäuel. Werden am Boden liegende Haare vom Luftzug bewegt, finden sie von sich aus zu Formen luftiger Verdichtung und Konzentration, verballen sich zu Gespinsten.
… Der Geruch des Kopfhaares ist eher der romantischen Liebe zuzuordnen, die Körperbehaarung den animalischen Trieben, denn sie wird in unserer Kultur außerhalb von Sexualität und Erotik meist als störend empfunden.
Kulturell wurden Haare in der Geschichte mit verschiedensten Bedeutungen aufgeladen, die bis in die heutige Zeit Auswirkungen zeigen. Sie wurden und werden immer noch als Träger von Lebenskraft wahrgenommen. In verschiedenen Kulturkreisen wurden sie in ihrer Funktion als Erinnerungsträger für Votivgaben genutzt und gehörten zum Alltag. Im Volksglauben bergen Haare die Seele, somit die Identität des Trägers, die mit einem Abschneiden verloren geht.
… In der vorgestellten Arbeit findet kein Zurschaustellen von Haaren statt, das von ungewolltem, brutalem Abschneiden zeugt. Hier werden z.B. mögliche Assoziationen zu den schrecklichen Bildern aus Konzentrationslagern, die in das kollektive Gedächtnis eingebrannt sind, nicht berührt und thematisiert.
Diese zarten Haar-Ballungen sprechen vom Sammeln, Bewahren, von einem vorsichtigen, liebevollen Umgang. Von dem Versuch, die Verflüchtigungstendenz von Duft aufzuheben.

Objekt, 2021, menschliche Haare, Eichen-Sockel, Acrylglas Haube

your embedded smell, 2020, Fotografie